“All das hat mich zu der Person gemacht die ich heute bin” – Ein Interview mit Anil Altintas

Am 27.06 erschien das Debütalbum “Sound of home“ von Anil Altintas, welches er mit Hilfe von seinen Freunden Dominik Dörfler und Jan Hesmert produziert hat. Die gleichnamige Single und das zugehörige Video findet ihr unter dem Interview.

Anil Altintas ist 22 Jahre alt und studiert Politikwissenschaften an der Universität Tübingen. Geboren ist er als Sohn türkisch stämmiger Eltern in Wetzlar. Mit „Sound of home“ zielt er auf die Identitätssuche des Einzelnen ab, auf das Gefühl zu wissen wo man zu Hause ist, wo man hingehört. Es paaren sich dabei Elemente aus dem Singer/ Songwriterbereich mit Folk- und Popmelodien und lassen das Album scheinbar schwerelos dahingleiten. In unserem Interview erfahrt ihr was ihn zur Musik bewegt hat, was er mit dem Album verbindet und wie es entstand.

Anil ist Tübingen deine Heimat geworden?

Mittlerweile gewissermaßen schon. Es ist der Ort, an den ich mich nach langer Zeit Zuhause in Gießen wieder zurücksehne, weil ich hier auch viele Freunde gefunden habe und ein Teil meiner Familie auch im Umkreis lebt

Was bedeutet Heimat für dich?

Heimat ist ein Ort, an dem ich Menschen habe, die mich lieben. Sei es nun Freunde oder Familie, es ist ein Ort, mit dem ich durchweg Positives verbinde.

Wie kamst du eigentlich zur Musik?

Das hat eigentlich mit meinem Vater angefangen. Seitdem ich mich daran erinnern kann, ist mein Vater immer schon mit seinen Freunden unterwegs gewesen und hat Musik gemacht. Aber da mich das türkische Saz nicht wirklich angesprochen hat, kam ich zur Gitarre. Eines Tages ist bei uns Zuhause das Fenster zerbrochen, und zufällig war einer der Handwerker auch Gitarrenlehrer. Mein Vater kam mit ihm ins Gespräch und so bin ich dann bei der Gitarre gelandet und hatte insgesamt zwei Jahre Gitarrenunterricht. Der Rest war Schulbands, Funkbands und schließlich Singer/Songwriter. Das wäre glaube ich die verkürzte Version, sonst schreibe ich mehrere Seiten voll.

Du studierst, du machst Musik, du hast eine Freundin. Wie bekommst du all das unter einen Hut?

Das würde alles ohne Freunde, die einen in jeglicher Hinsicht unterstützen, natürlich nicht klappen. Bei der Musik habe ich Dominik Dörfler und Jan Hesmert, mit denen ich schon seit Jahren nicht nur musikalisch sondern auch freundschaftlich eng verbunden bin. Das macht die Sache um einiges leichter. Studieren ist meine Priorität, daran wird sich schnell nichts ändern. Und mit meiner Freundin, das ist Zeitmanagement.Wenn man sich sehen will, dann sieht man sich, auch wenn sie nicht in Tübingen wohnt.

Werfen wir einmal einen genaueren Blick auf dein Album. Du hast viel Zeit damit verbracht die Lieder sorgfältig auszusuchen und ein sehr homogenes Album geschaffen. Mehr als zwei Jahre warst du an diesem Projekt dran. Was war im Nachhinein die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war sicherlich das Zeitmanagement. Da Jan in Berlin studiert, aber das Studio in Gießen war, mussten wir immer sehr genau schauen, wann wir gemeinsam im Studio sein konnten. Das hat vor allem viel Nerven gekostet, weil Takes dann nicht eben sofort wieder aufgenommen werden konnten. Das hat vermutlich den Ausschlag für die doch lange Zeit gegeben. Und da wir ein Dreierteam sind und von Anfang auch das Projekt als gemeinsames Projekt bezeichnet haben, ist es natürlich auch keine Überraschung, dass dann auch oft unterschiedliche Meinungen aufeinander geprallt sind. Da musste jeder auch mal zurückstecken. Aber wenn man dann endlich fertig ist, dann vergisst man so was schnell.

Gibt es ein Vorbild für dich, eine Band oder ein Künstler welchen du als sinnstiftend für dich empfindest?

Also gesanglich war mein Vorbild immer schon Craig David. Da ich immer noch sehr gerne R’n’B mache und in Gießen u.a mit meinen Kumpeln Zampano, oder Bobby Geroon und Raúl vieles in die Richtung gemacht habe und auch so musikalisch angefangen hatte, hat Craig David mir schon von Anfang die Richtung vorgegeben. Die Art und Weise seiner Stimmbeherrschung und seine stimmlichen Vielfalt ist unglaublich. Bands gibt es viele, aber als Artist hat es mir vor allem John Mayer angetan, obwohl ich von meinem Gitarrenspiel nicht ansatzweise an ihn herankomme. Ich sehe mich eher als Sänger denn als Gitarrist, aber das wird hoffentlich noch. Ansonsten Kings of Convenience, Bombay Bicycle Club und The Roots.

Dein Album ist schon sehr klar in die Kategorie Singer/Songwriter einzuordnen. Ist das auch für dich das Genre in welchem du dich einordnen würdest?

Vom Ursprung her schon, vor allem Sound of Home(Single) ist klar in dem Genre zu verorten. Aber generell tue ich mich schwer damit, meine Musik zu kategorisieren. Es gibt mit Raindrops einen Titel, der eher in die R’n’B Richtung geht, dann mit Never, der eher rockiger ist. Schwer zu sagen, aber um den Fragen auszuweichen, ist Singer/Songwriter das einfachste. Aber generell bevorzuge ich einfach die Phrase, dass ich als “Singer/Songwriter” unterwegs bin. Was für Songs man schreibt, das kommt dann meist auch auf die Atmosphäre oder die Erfahrungen an, die ich in dem Moment verarbeiten möchte. Manchmal möchte ich eher Folk machen, manchmal bisschen mehr Funk, manchmal nur R’n’B und manchmal eher ruhigere Indie-Sachen.

Was würdest du sonst gerne mal für Musikrichtungen ausprobieren?

Also ich würde sehr gerne in die Neo-Soul Richtung gehen. Stimmlich fühle ich mich da am wohlsten und kann auch aus meiner Stimme das meisten heraus holen. Vielleicht sowas wie D’Angelo, Maxwell oder Miguel, aber immer noch mit Gitarre.

Das Album hört sich nach harter und ehrlicher Handarbeit an. Wie habt ihr das Album produziert und wie muss man sich diesen Prozess vorstellen?

Das Album wurde vor allem bei mir in Gießen aufgenommen. Mein Kumpel Dominik Dörfler hat bei Mike’s Music Records die Möglichkeit, das Studio für seine Projekte zu benutzen, daher hat wir den Kostenfaktor schon mal außen vor. In unserem Fall lief es meistens so ab. Ich habe erstmal die Gitarrenspuren aufgenommen, mein Kumpel Jan in Berlin oder eben im Studio die Drumtakes, und dann haben wir nach und nach jedes einzelne Puzzlestück zusammengefügt, und fertig war der Song. Da wir alle gemeinsam im Studium natürlich auch viel zu tun haben, hat das sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Aber so haben wir über die zwei Jahre jeden einzelnen Song aufgenommen, außer den Song “Yalan”, den wir bei mir im Keller, im sog. “Türkischen Keller” aufgenommen haben. Da waren wir wirklich drei Tage im Keller und haben vom Songwriting bis zum fertigen Song alles gemeinsam erarbeitet. Das war harte Arbeit, hat aber auch am meisten Spaß gemacht.

Wenn du dein Album mit einem Adjektiv beschreiben müsstest, welches würdest du wählen?

Ehrlich.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass das Album auch von Zivilcourage handelt. Glaubst du, dass Musik Menschen zu etwas bewegen kann?

Auf jeden Fall! Musik ist so präsent in unserem Alltag, dass gerade diese einen enormen Einfluss auf unser Denken und unsere Sichtweisen nehmen kann.Die meisten kennen so viele Lyrics auswendig, warum dann nicht auch Lyrics mit Sinn? Mit Tiefgang? Andererseits läuft man natürlich auch Gefahr, durch die Musik instrumentalisiert zu werden. Aber generell bin ich auf jeden Fall der Meinung, dass die Omnipräsenz von Musik Menschen beeinflussen kann, und warum dann nicht auch dieses Medium nutzen, den Menschen einen Denkanstoß mitzugeben?

Woher nimmst du deine Ideen für die Musik?

Erfahrungen! Die meisten Ideen für Songs habe ich durch spontane Eindrücke aus dem Balkan und aus Albanien. Sei es an der Grenze zu Montenegro, im Bus in den Kosovo oder einfach beim Wandern in Mazedonien. All diese Orte haben es verdient, darüber geschrieben zu werden, weil sie mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin. Aber meistens, weil sie mich so sehr bewegt haben, dass der Drang entstand, daraus etwas zu machen. Und so sind u.a Sound of Home, Lost, City Where It Rains, Far Away entstanden.

Du bist zurzeit, so denn es die Uni zulässt, auf Tour. Was war dabei bisher das schönste Erlebnis?

Die richtige Tour fängt erst um September an, aber vermutlich waren es die zufriedenen Gesichter, in die ich manchmal blicke, wenn ich auf der Bühne meine Augen öffne, was ich nicht so oft tue. Das erfüllt mich mit größter Zufriedenheit und signalisiert mir, dass meine Musik berührt und zum Nachdenken anregt. Es gibt nur wenige Dinge auf der Welt, die dieses Gefühl toppen können.

Hast du den Traum vor Augen eines Tages von deiner Musik leben zu können?

Den Traum hat glaube ich jeder! Aber für mich hat die Uni erst mal Vorrang, aber wenn sich was ergibt, dann habe ich immer noch ein Urlaubssemester frei.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei der Tour und mit deinem Album!

https://www.youtube.com/watch?v=cuL2WuZ_C4A

Der kriegerische Friedensnobelpreisträger

Als Barack Obama am Dienstag in Warschau verkündete, dass die USA eine Milliarde US Dollar für weitere Boden-, Luft und Marinestreitkräfte zur Verfügung stellen würde bekam er von allen Seiten der NATO Sympathien für diesen Geldregen.

http://www.rp-online.de/politik/ausland/obama-kuendigt-eine-milliarde-sicherheitsplan-fuer-osteuropa-an-aid-1.4285698

Allerdings war diese Ankündigung für mich der falsche Schritt zur falschen Zeit. Anstatt erneut Geld für den Militäretat aufzuwenden und gleichzeitig Provokationen in Richtung Russland in Kauf zu nehmen sollte sich der US-Präsident besser darauf konzentrieren die Finanzmittel in seinem Haushalt für Militär und Rüstung herunterzufahren und in andere Sektoren zu investieren. Nachdem es in den letzten Tagen in der Ukraine zudem ruhiger geworden ist und der Russland-Konflikt sich abschwächt war dies ein falsches Zeichen, welches sicherlich nicht den friedlichen Dialog fördert. Eine richtige Reaktion kam dabei aus Deutschland. Ursula von der Leyen wies darauf hin, dass es nicht weiter nötig sein den Etat aufzustocken, sondern viel mehr die Effizienz hinterfragt werden sollte.

Es bleibt zu hoffen, dass Merkel und Cameron heute und morgen die Beziehungen zu Putins Russland soweit in die richtigen Bahnen lenken, dass Obamas “Sicherheitsplan” getrost in den Schubladen bleiben kann. Es wäre das falsche Zeichen für eine friedliche Zusammenarbeit des Westens mit Russland.

Europa hat gewählt. Was bleibt?

Wer EU-Kommissionspräsident wird steht Stand heute noch in den Sternen. Doch was bleibt nach der Europawahl in den Köpfen der Menschen hängen?

Wir hatten in Deutschland einen Wahlkampf der diesen Namen nicht verdient hatte. Zwar gab es gleich mehrere TV-Duelle, doch konnten sich Juncker und Schulz nicht strikt genug von einander abgrenzen. So wurde viel gesagt, sich gegenseitig gelobt und auf die ähnliche Sichtweise des Kontrahenten hingewiesen ohne Meinungsverschiedenheiten aufzuzeigen. Zu diesem Wahlkampf gehörte auch eine äußerst fragwürdige Methode der CDU, welche Angela Merkel auf sämtliche Wahlplakate druckte, obwohl die Kanzlerin bei der Europawahl nicht zur Wahl stand. Der Vorwurf von Populismus statt echten Themen war daher durchaus gerechtfertigt.

Als zweiten Punkt darf man sicherlich die höhere Wahlbeteiligung im Vergleich zu 2009 anführen. Ob dies eventuell auch den gleichzeitig stattfindenden Kommunalwahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zugeschrieben werden kann lässt sich nicht genau sagen, dennoch darf man diese Entwicklung positiv herausstellen.

Der dritte Punkt ist sicherlich der vermeintliche Rechtsruck in Europa. Wie ich bereits in einem früheren Beitrag angeführt habe ist dieser Rechtsruck unterschiedlich zu bewerten. In Deutschland haben wir mit der AfD eine europakritische Partei, welche allerdings lediglich 7% der Stimmen für sich gewinnen konnte. Im direkten Vergleich zu anderen Ländern ist die deutsche Parteienlandschaft dem Projekt Europa gegenüber sehr positiv gestimmt. Im Nachbarland Frankreich ist die Front National mehr Ventil für Frust und Missverständnis gegenüber der Regierung als gegenüber Europa.

Doch was heißt dies für die kommenden 5 Jahre?

In den kommenden Monaten müssen vor allem die nationalen Regierungen zwingend handeln um den systemkritischen Parteien die Luft aus den Segeln zu nehmen und dringend benötigte Reformen durchführen. Des weiteren sollte ein verstärktes Herausstellen der Stärken und Vorteile von Europa durchgeführt werden. Das Projekt Europa ist bisher stets von Erfolg zu Erfolg geeilt. Doch gerade jetzt muss Europa zeigen, dass es auch schwierige Phasen durchstehen kann und seine Kritiker verstummen lässt. Ob dies gelingt werden die nächsten Wahlen zeigen.

 

Die Unschuldslämmer

Sie wissen von nichts. Sie haben nie etwas böses gewollt. Sie waren mit der Situation überfordert.

Die Beschreibung würde gut auf ein Missgeschick passen, doch sind hier keine Unglücksraben gemeint sondern Politiker, welche es versäumt haben ihre steuerlichen Angaben korrekt auszuführen. Ob bewusst oder nicht sei dabei erstmal dahin gestellt. Niels Annen, Anton Hofreiter, Maria Klein-Schmeink und Sylvia Kotting-Uhl sind nur die prominenteren Namen von Steuersündern aus dem politischen Berlin. Sie sollen über mehrere Jahre hinweg Zweitwohnsitze nicht angegeben und somit mehrere Tausend Euro gespart haben. Nun beteuern alle Verdächtigen ihre Unschuld oder zeigen Reue für ihr ordnungswidriges Verhalten. Doch für den Ottonormalverbraucher sind diese Aussagen nur bedingt glaubwürdig. Wie kann sich ein Politiker im Bundestag zum Thema Steuerhinterziehung empören und härtere Strafen fordern wenngleich er selbst versucht Steuerzahlungen zu vermeiden?

Kann man so jemand Glauben schenken?

Meiner Meinung nach sollten diese Ungereimtheiten schnellstmöglich aufgedeckt werden und Konsequenzen für die Verantwortlichen zur Folge ziehen. Es kann nicht sein, dass Bundestagsabgeordnete Gesetze für die Bürger fordern ohne sich selbst den Spielregeln zu unterziehen. Ob ein Rücktritt gerechtfertigt wäre möchte ich hier nicht in den Raum stellen, doch wäre ein öffentliches Bekenntnis von allen Beteiligten und ihre Einsicht gegenüber dem Vergehen das Mindeste. Dass dies Geschehen wird und zukünftige Versäumnisse verhindert würde ich an dieser Stelle jedoch leider bezweifeln.

Europa Ade – Freiheit Ole?

Dieser Beitrag wurde im Zuge der Zusammenarbeit mit http://www.eurowahlgang.de am 10.05.2014 veröffentlicht.

 

Stellen wir uns doch einfach mal vor die EU würde gar nicht existieren. Jeder Nationalstaat bekommt wieder seine volle Souveränität zurück. Niemand muss mehr Politiker nach Brüssel entsenden. Stellen wir uns vor es gäbe keine Normen mehr für die Krümmung einer Banane oder für die Höhe eines Traktorsitzes. Stellen wir uns vor unser Land könnte sich den Bestimmungen von EU-
Kommissaren entziehen und müsste nicht Ökolabel deklarieren oder Fangquoten einhalten. Stellen wir uns vor die Europawahl am 25.05 würde es gar nicht geben. Lassen wir doch Brüssel endlos diskutieren. Wir machen nicht mit. Wäre das nicht toll? Wohl kaum. Es ist eine Utopie, dass Europa ohne die EU besser gestellt wäre. Ein Wunschdenken, dass wir alle ohne die EU ein einfacheres Leben hätten ohne angebliche bürokratische Hürden.

Die Wirtschaft, die Menschenrechte, das Alltagsleben. Diese drei Bereiche stehen beispielhaft für eine Europäische Union, welche uns Tag für Tag durch ihre fortschreitende Integration und ihre Eingriffe in den Alltag prägt. Dass dabei sinnbildlich die Regelung für Krümmung der Bananen im Kopf der meisten Bürger hängen bleibt ist traurig und Anlass genug über die Institution EU zu diskutieren. Doch versuchen wir einmal nüchtern zu betrachten, was es bedeutet ohne die EU zu leben und ob dies nicht doch mehr ist als nur Traktorsitze und Bananen.Für viele junge Studenten ist es der größte Wunsch im Ausland ein Semester zu absolvieren. Ohne das Erasmusprogramm für Studenten würden diese Träume nicht realisierbar sein. Seit Einführung des Programms 1987 haben mehr als 3 Millionen junge Menschen diese Chance nutzen dürfen. Ohne die EU wäre dies undenkbar. Die Universitäten müssten miteinander neue Konzepte entwickeln um den Austausch von Studierenden zu regeln. Eine weitere Folge der nicht vorhandenen Koordinierung wäre die Frage nach der Anerkennung von Abschlüssen. In welchem Land zählt welcher Abschluss wie viel? Wo darf ich mit meiner Ausbildung arbeiten? Und selbst wenn meine Ausbildung anerkannt wird, habe ich dann die Arbeitserlaubnis? Der Arbeitsmarkt stünde vor einer gewaltigen Herausforderung. Auch die Auslegung von Menschenrechten wäre in jedem Land unterschiedlich.

Meinungsfreiheit kann in jedem Land etwas anderes bedeuten. Wer sagt was Pressefreiheit ist und auf welche Rechte ich Anspruch habe? Ebenso dürfen Lebensmittel andere Inhaltsstoffe besitzen oder müssten nicht hinreichend deklariert sein. Produkstandards würden nicht mehr existieren. Tierhaltung würde unterschiedlich gehandhabt werden. Wer entscheidet ob den Zuchttieren Antibiotika verabreicht werden darf oder nicht? Ist Käfighaltung legitim? Produkte würden exorbitant teuer werden, da Zölle die Preise für Importgüter hochschnellen lassen würden. Obst aus dem Süden würde es wohl so schnell nicht mehr geben. Technische Produkte könnten in der heutigen Form nicht vertrieben werden. Wichtige Organe wie der EuGH oder die europäische Zentralbank wären nicht länger Kontrollinstrument für die Bürger der EU.
Die Beispiele sind bewusst übertrieben gezeichnet, doch zeigen sie mehr als deutlich, dass unser Alltag nicht mehr der gleiche wäre. Wir würden auf zahlreiche Dinge verzichten müssen, welche wir mittlerweile als selbstverständlich betrachten. Gerade die freie Arbeitsplatzwahl, der Güterverkehr und das Erasmusprogramm sind für meine Generation unverzichtbare Bestandteile unseres Lebens geworden. Die Ländergrenzen verschwimmen für uns. Wir sind in Europa zuhause. Geben wir die EU auf, geben wir unsere Zukunft auf. Es mag nicht immer einleuchtend sein warum die EU diese oder jene Verordnung verabschiedet und es werden dort sicherlich auch Fehler gemacht. Dennoch wäre es vermessen die Behauptung aufzustellen, dass es uns ohne die EU besser gehen würde. Jeder von uns profitiert jeden Tag von den Vorteilen eines geeinten Europas. Lasst uns diese Chancen ergreifen und nicht über etwaige bürokratische Vorgänge diskutieren. Die EU ist mehr als nur Bananenkrümmung, die EU ist unser Alltag.

Rechtsruck wegen Europa?

Dieser Beitrag wurde im Zuge der Zusammenarbeit mit http://www.eurowahlgang.de am 04.05.2014 veröffentlicht.

Nationalstolz. Ein komisches Wort. Aus deutscher Sicht ein verruchter Begriff mit allerlei negativenKonnotationen.
Doch für den Rest von Europa? Ein Begriff, der Stärke demonstriert, etwas das Stolz verbreitet. Ein Ausdruck dafür, dass man sich nicht allem und jedem unterordnen wird.
Bei den Kommunalwahlen Ende März in Frankreich konnte die “Front National” unter der Führung von Parteichefin Marine Le Pen ein für sie fantastisches Ergebnis erzielen. Obwohl die Partei in lediglich 540 der 36 000 Wahlkreisen einen Kandidaten aufgestellt hatte, konnte sie rund 5% aller Stimmen für sich gewinnen.
Auch in Italien ist die “Lega Nord” voll in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Bei den Europawahlen 2009 konnte die Partei mehr als 10% der Stimmen für sich gewinnen und durfte 9 Abgeordnete für das Europaparlament entsenden.
Vergleichbare Beispiele gibt es in Griechenland, in Österreich oder Ungarn. Eine naheliegende Fragestellung wäre dabei: „Ist der Rechtsruck in Europa eine Folge aus der Politik der Europäischen Union oder sind andere Faktoren ausschlaggebend für den Stimmenzuwachs bei den radikalen Parteien?“. 

Mit dem Blick auf Frankreich und Italien lässt sich relativ schnell feststellen, dass es in den beiden Ländern vor allem nationale Beweggründe sind, welche für eine populistische Parteipolitik sprechen. Die Franzosen und Italiener sind seit Jahren in einer Führungskrise. Versprechungen über Versprechungen wurden gemacht und wieder verworfen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist dramatisch hoch und die wirtschaftliche Entwicklung mehr als bedenklich. Als Konsequenz daraus sahen sich die meisten Wähler dazu genötigt den Regierungen eine Art Denkzettel zu verpassen und sie für ihre Misswirtschaft abzustrafen. Zwar unterscheiden sich die „Front National“ und die „Lega Nord“ deutlich voneinander, dennoch sind sie nicht die Folge eines Europaverdrusses, sondern viel mehr Ventil für Frust und Enttäuschung gegenüber den etablierten Parteien.
Betrachtet man jedoch die Stimmungslage in Ungarn, kann man einen deutlichen Unterschied feststellen. Die „Jobbik-Partei“, welche 2003 gegründet wurde, steht vor allem für eine Orientierung Ungarns Richtung Osten ein. Sie sieht sich in der Pflicht nationale Traditionen aufrecht zu erhalten und gegen Globalisierung und Liberalismus anzukämpfen. Die Wähler sind unter anderem viele junge Menschen, welche das Vertrauen in die Politik verloren haben und die Jobbikpartei als Chance für sich sehen. Man findet schnell Kontakte, Gesellschaft und Gleichaltrige. Anders als in Italien & Frankreich steht hier die Abkehr von der EU stärker im Vordergrund. Man sieht die Zukunft eher in einer Anbindung an Russland und China, als in einer gemeinschaftlichen EU-Politik.

Ein weiteres Beispiel stellt die FPÖ dar. Bei den Wahlen 2013 erreichte sie in Österreich mit mehr als 20% der Stimmen ein beachtliches Ergebnis. Auch sie steht für Europaskepsis, für einen souveränen Nationalstaat. Für mehr Selbstbestimmung und weniger gemeinschaftlicher Außenpolitik. Doch auch hier fällt auf, dass nicht allein die Europaabkehr ein Kriterium für die Wahl der FPÖ war. Vor allem Themen wie Zuwanderung und Islamisierung sprachen viele Wähler an. Erneut ein Indiz dafür, dass zwar die Ausrichtung einer Partei eher Europafeindlich war, die Gründe für die Stimmabgabe allerdings einer nationalistischen Kultur entsprangen.
Dies waren nur vier Fallbeispiele. Jedoch zeigt jedes von ihnen, dass man sehr klar differenzieren muss zwischen der Ausrichtung gegenüber Europa und der nationalstaatlichen Politik. Es gibt sicherlich einen erkennbaren Rechtsruck in der EU, doch lässt sich nicht pauschal urteilen, dass dieser die Folge eines EU-Verdrusses darstellen würde. Es bedarf der Betrachtung jedes einzelnen Landes und jeder nationalen Situation, um das Wahlverhalten der Bürger nachvollziehen zu können. Denn Wahlen sind oftmals die einzige Möglichkeit für das Volk eine Rückmeldung an die Regierung zu geben. So wird auch bei dieser Europawahl damit zu rechnen sein, dass Unzufriedenheit mit der nationalen Politik durch Verweigerung der Stimmabgabe oder der Wahl einer Randpartei quittiert wird. Die Quintessenz liegt jedoch darin, dass wir nicht einen Rechtsruck wegen Europa haben, sondern uns detaillierter damit auseinander setzen müssen, welches Problem auf nationalstaatlicher Ebene vorherrscht.

Arbeitsmigration

Dieser Beitrag wurde im Zuge der Zusammenarbeit mit http://www.eurowahlgang.de am 01.05.2014 veröffentlicht.

 

 

„Migratio“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Umzug oder Wanderung. Viele von uns erlernen heute einen Beruf und wissen nicht wo sie nach ihrer Ausbildung hinziehen müssen. Von dem Süden in den Norden oder vielleicht gar in ein anderes Land? Wir sind Zugvögel unserer Zeit. Immer auf der Suche nach der nächsten Arbeitsstelle, nach dem Job für die Zukunft. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlernte man einen Beruf und führte diesen ein Leben lang an seinem Arbeitsplatz aus. In der heutigen Welt undenkbar. Das Schlagwort Arbeitsmigration hat sich in unser Leben eingebrannt.

Wir müssen flexibel wie noch nie auf jeweilige Veränderungen reagieren können. Jeder und Jede von uns muss stetig in der Lage sein morgen an einem neuen Ort arbeiten zu können. Doch ist dies nicht manchmal mehr Fluch als Segen? Ich möchte in meinem Beitrag sowohl positive als auch negative Aspekte der Arbeitsmigration ausführen und Folgen des Wandels unserer Arbeitsweise aufzeigen. Zu Beginn des Jahres gab es in diversen Zeitungen nahezu endlose Diskussionen über den nun vollkommenen Arbeitsmarktzugang für Rumänen und Bulgaren.

Ein Indiz dafür, dass Europa selten die Vorteile für die Nationalstaaten klar rausstellt, sondern sich von populistischen Thesen und Sprüchen einiger weniger leiten lässt. Die Schweiz als Nicht-EU-Mitglied hat dabei in einer Volksabstimmung für eine Art Quote von Migranten gestimmt. Schaut man sich dort jedoch die Anzahl der ausländischen Beschäftigten an, fragt man sich wie dieses kleine Land in Zukunft bestehen möchte. Arbeitsmigranten bringen allen Statistiken nach enorme Vorteile für eine Volkswirtschaft. Sie steigern das BIP, sie erhöhen die Erwerbspersonenquote und sorgen für mehr Steuereinnahmen. Trotz allem hält sich das Vorurteil hartnäckig, dass beispielsweise Zuwanderer aus Rumänien Stellen für inländische Arbeitnehmer besetzen. Jedoch ist gerade das Gegenteil der Fall. Mit jeder neuen besetzten Stelle werden weitere Stellen geschaffen. Ein Arzt, welcher seine Praxis eröffnet, benötigt Sprechstundenhilfen. Eine Rechtsanwältin eine Sekretärin. Die Liste an Beispielen könnte ewig fortgeführt werden.

Es bleibt also die Frage, warum wir der Arbeitsmigration so kritisch gegenüber stehen. Es ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, dass wir Respekt vor den neuen Herausforderungen haben, welche die globalisierte Welt offeriert. Und es sind traurige Einzelschicksale wenn jemand seinen Arbeitsplatz auf Grund von Konkurrenzkampf aufgeben muss. Dennoch sollten wir Arbeitsmigration viel eher als Chance begreifen. Wir dürfen in jedem Land der EU arbeiten, ohne große Verwaltungshürden nehmen zu müssen. Wir haben die Möglichkeit uns frei zu entfalten und die Möglichkeit Stellen zu finden, welche unseren Vorstellungen und Anforderungen entsprechen. Ungehindert von bürokratischen Hindernissen oder sonstigen Umständen können wir uns in der gesamten EU auf Arbeitssuche begeben. Sei dies um ein höheres Gehalt zu beziehen, sei es um näher bei der eigenen Familie zu sein oder der Wunsch nach einer Verlegung des Wohnorts. Dennoch darf man die Folgen für unsere Generation nicht außer Acht lassen. Die ständige Unsicherheit gibt uns kaum Planungsmöglichkeiten. Sei dies um eine Familie zu gründen oder sich auf ein Leben abseits der Arbeit einzulassen. Unsere Zukunftsplanung ist nur für einen beschränkten Zeithorizont möglich. Wir müssen als Maschinen an jedem Standort funktionieren und mit jeglichen Umständen zu Recht kommen. Heute Berlin, morgen Madrid, nächste Woche Tallinn. Eine Belastungsprobe für jeden Einzelnen von uns. Doch abgesehen von den individuellen Herausforderungen leistet Arbeitsmigration etwas Essentielles für die Volkswirtschaften in Europa. Nur durch den gezielten Austausch von Arbeitskräften können die Volkswirtschaften Europas weiterhin wettbewerbsfähig bleiben.
Deutschland wird sich in den kommenden Jahren verstärkt auf das Anwerben von Arbeitskräften aus dem Ausland stark machen. Genauer gesagt stark machen müssen!
Der demographische Wandel erschwert es den Unternehmen zunehmend genügend qualifizierte Fachkräfte zu finden und offene Stellen zu besetzen. Durch Arbeitskräfte aus dem Ausland kann dieser Mangel zumindest abgefedert werden. Schlussendlich eine profitable Situation für uns alle.
Geht es der Wirtschaft gut, sollte es auch der Gesellschaft gut gehen.
Sicher ist das Thema Arbeitsmigration zu umfangreich um es in all seinen Facetten in so einem kurzen Beitrag würdig zu behandeln. Natürlich gibt es in einer globalisierten Welt immer Gewinner und Verlierer, aber es wäre zu banal, sich gegen die Arbeitsmigration zu stellen und sie als etwas rein Negatives zu bezeichnen. Arbeitsmigration wird die EU in den nächsten Jahren erheblich prägen. Wir können uns dagegen stellen wie wir wollen, schlussendlich müssen wir versuchen die bestmöglichste Lösung im Umgang mit der Situation zu finden. Ein erster Schritt wäre dabei ein positiveres Denken in der Bevölkerung gegenüber dieser Herausforderung.

 

 

Wen interessiert schon Europa?

Am 25. Mai diesen Jahres dürfen wir in Deutschland unsere Stimme für die Europawahl abgeben. Doch wirklich zu interessieren scheint das niemand. Weder in der öffentlichen Berichterstattung, noch durch Plaketwerbung oder Diskussionen im Alltag kommt diesem Thema die Aufmerksamkeit zu, welche es eigentlich verdient hätte.

Ist uns Europa egal?

Diese Frage kann man wohl eher verneinen als bejahen. Der Aufschrei in der Gesellschaft ist groß wenn ein Mitgliedsland gegen Richtlinien verstößt, sich anders verhält als gewünscht oder EU-feindliche Parolen verkündet. Doch wenn dann eine Wahl ansteht ist diese meist nur zweitrangig. Viele Wähler sehen in der Europawahl immer noch die Möglichkeit nationale Parteien abzustrafen, obgleich es um gänzlich andere Thematiken geht. Desweiteren ist den wenigsten bewusst in welch großem Ausmaß das Europaparlament, die Kommission oder sonstige Organe der EU in unser Leben eingreifen. Gerade deshalb wäre es wünschenswert, wenn eine Debatte in der Öffentlichkeit darüber aufkommen würde warum man Wählen gehen sollte.

Hier gilt aber auch ein Wink an die deutschen Parteien. Man hütet sich seit der Bundestagswahl im vergangenen Jahr mit Speerspitzen in Richtung Opposition oder Regierung zu schießen. Ein bisschen mehr Aggressivität in der Wahlkampfführung (sollte es denn tatsächlich in den nächsten Wochen so etwas noch geben) täte allen Beteiligten gut. Die Wähler müssen erkennen, dass es auch in Europa diverse Standpunkte zu vertreten gilt. Sei dies die wirtschaftliche Ausrichtung oder Ausgestaltung von Menschenrechten. Ganz egal darf es uns dann schlussendlich doch nicht sein wer gewählt wird. Zu viel nationalistisches Gedankengut schwappt in anderen Ländern Europas umher. Daher sollte jeder die Möglichkeit dieser demokratischen Beteiligung am 25. Mai nutzen und wählen gehen. EU-Politik ist vielleicht nicht immer spannend, dafür aber ungemein wichtig! Denn spätestens wenn wir wieder einmal in den Urlaub fahren werden wir in den Genuss von den vielen kleinen Vorteilen der Europäischen Union kommen.